Groß Laasch - Anna-Stein erinnert an Mordopfer

15.05.2020

Vor 125 Jahren wurde die 22-jährige Anna Kahlstorf zwischen Groß Laasch und Grabow hinterrücks erschossen

Anna Kahlstorf arbeitet als Dienstmädchen bei Kaufmann Wilhelm Leopoldi in Grabow. Am 11. April 1895 tritt sie, wie immer, zu Fuß den Heimweg nach Groß Laasch zu ihren Eltern an. Dafür verabredet sie sich für etwa 4 Uhr nachmittags mit Minna Merz, die ebenfalls von dort stammt. Doch Minna ist schon früher losgegangen, und deshalb macht sich Anna allein auf den Weg. Minutiös wird das später rekonstruiert: Der Weg führt durch einen kleinen Wald. Hinter einer Anhöhe begegnet sie einem Schlachter aus ihrem Dorf. Kurz danach trifft der Schlachter ein „verdächtiges Individuum“. Bei der Ziegelscheune begegnet Anna noch dem aus Groß Laasch kommenden Fuhrmann Liermann. Der sagt später, dass in 400 Metern Entfernung ein „anständig gekleideter“ Handwerksgeselle dem Mädchen folgt. Nach einer Stunde will der Fuhrmann wieder nach Hause. Da kommen ihm zwei Arbeiter aufgeregt entgegen. Sie sind mit zwei anderen in dem Tannenwald auf eine große Blutlache gestoßen und haben ganz in der Nähe das mit drei Schüssen von hinten getötete Mädchen entdeckt. Der Täter hat es auch missbraucht. Zwei Arbeiter bleiben am Tatort.

Das „Ludwigsluster Tageblatt“ berichtet über die grausame Tat zwei Tage später in einem „Extra-Blatt“. Die Brutalität bewegt alle. Der Täter soll dem Mädchen auch einen kleinen geflochtenen Handkoffer, ein Umschlagetuch und ein paar Glacéhandschuhe gestohlen haben. In Eldena wird ein Handwerksbursche verhaftet. Doch Fuhrmann Liermann erkennt in ihm nicht die verdächtige Person. Auch nach vier Tagen kann nur festgestellt werden, dass „trotz der schon mehrfach ausgeführten Verhaftungen es leider bisher noch nicht gelungen ist, den richtigen Thäter zu fassen“. Am 17. April stellt der Plauer Gendarmerie-Wachtmeister einen Mann auf dem Bahnhof Karow und bringt ihn gefesselt nach Grabow. „Derselbe soll angegeben haben, daß er aus Polen stamme und in hiesiger Gegend bereits 4 Jahre als Hofgänger beschäftigt gewesen sei.“ Doch auch er und weitere Verdächtigte sind unschuldig.

In der Zwischenzeit wird das Mädchen in Groß Laasch beigesetzt. Pfarrer Friedrich Schütze betont in seiner Andacht den Verlust in einer „treuen christlichen Familie“. Die Mutter von Anna ist Witwe und zieht ihre fünf Kinder allein auf. „Anna Kahlstorf galt für ein überaus prächtiges Mädchen, das ihre Mädchenehre hoch hielt, was sie durch die Reinheit und Lauterkeit ihres Wandels bewies“, weiß die Zeitung.

Die Fahndung schlägt Wellen bis Hamburg und Rostock. Ein in Kessin verhafteter Bettler wird für den Mörder gehalten, weil seine Kleidung der des Täters ähnelt. Eine durch den Staatsanwalt in Schwerin ausgesetzte Belohnung von 500 Mark bringt auch keine Ergebnisse, obwohl weitere Festnahmen folgen.

Mitte Juni 1895 berichtet das Ludwigsluster Tageblatt: „In betreff des Mordes der Anna Kahlstorf ist es hier, wie auch in der Umgegend, im Verlaufe der letzten Woche allmählich recht still geworden.“ Am Tatort neben dem Weg wird ein Holzkreuz aufgestellt und einige junge Fichten in Kreuzform angepflanzt.

Im August findet der Förster 700 Meter von der Mordstelle entfernt noch die vermissten Sachen: einen leeren Handkorb, ein Umschlagtuch und einen Sack, in dem sich die schwarzen Glacéhandschuhe und ein aufgetrenntes Kleid befinden. Die Geldbörse ist leer.

Im Dezember 1895 gibt es noch ein Dementi: „Ein Gerücht, dass der Mörder der bei Grabow ermordeten Anna Karlstorf aus Groß Laasch in der Person eines Kaufmannssohnes aus Ludwigslust entdeckt sei, entbehrt völlig der Begründung.“ Dann wird es still.

1909 errichtet der Bruder des Mädchens in „Liebe und Pietät auf jener Stelle, wo die Schwester dem Mordbuben zum Opfer gefallen“, einen Granitstein, der eine Tafel mit der Inschrift trägt: „Anna Kahlstorf wurde geboren am 6. August 1872 und wurde durch Mörderhand erschossen am 11. April 1895.“

30 Jahre nach dem Mord gibt es 1925 noch einmal eine Spur. Eine Frau im Ludwigsluster Stift Bethlehem erklärt auf dem Sterbebett, dass zwei Mörder der Anna sich nach der Tat in ihrer Wohnung in Groß Laasch von Blut gereinigt und ihr dafür Geld gegeben hätten. Das Ganze entpuppt sich als Gerücht.

Nach 1945 befindet sich um den Stein bis etwa 1960 ein Übungsplatz der Sowjetarmee. In dem Zusammenhang wird der Stein vermutlich entfernt.

Doch der Mord und der Gedenkstein bleiben in Groß Laasch in Erinnerung. 1988 errichten die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr unter großer Beteiligung der Dorfbevölkerung einen neuen Stein mit einer Metallplatte und der poetisch-dramatischen Inschrift: „Brüder wenn die Mutter spricht: ,Kommt denn unsere Anna nicht?‘ Wenn sie weinend um mich klaget, sagt, dass ich ermordet bin. Anna Kahlstorf 1897.“ Darunter setzen die Kameraden mit einfachen Schlagbuchstaben eine Metallplatte: „Anna-Stein am Mordweg erneuert 1988 Feuerwehr Gr. Laasch.“ Ein kleines Hinweisschild am Wegrand weist zu dieser Stätte.

Gerüchte um die Identität des Täters oder der Täter gibt es immer noch.

Dr. Wolf Karge

SVZ am 15.05.2020

 

 

Foto: Seit 1988 erinnert wieder ein Stein an das Schicksal der 22-jährigen Anna. Karge